Plötzlich treffen 20 Notfall-Patienten am Haupteingang des St.-Josefs-Hospitals Cloppenburg ein. Einige klagen über starke Schmerzen im Mund- und Rachenraum, andere über Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Ärzte und Pflegekräfte müssen innerhalb kurzer Zeit entscheiden, wer sofort Hilfe benötigt, wer warten kann und wer lediglich betreut werden muss. Zum Glück handelt es sich nicht um einen realen Großeinsatz, sondern um eine groß angelegte Übung.

Der Landkreis Oldenburg organisierte gemeinsam mit dem St.-Josefs-Hospital einen simulierten Massenanfall von Verletzten. Das Szenario: In einer landwirtschaftlichen Scheune feiern Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 21 Jahren. Dort wird eine unbekannte Flüssigkeit gefunden. Mehrere Personen trinken sie in der Annahme, es handele sich um ein alkoholisches Getränk. Kurz darauf entwickeln sie Beschwerden und werden in das Cloppenburger Krankenhaus transportiert.

Vier Patienten gelten als lebensbedrohlich erkrankt

Die 20 Übungspatienten werden nach ihrer Behandlungsdringlichkeit eingestuft. Vier von ihnen erhalten die rote Kategorie und gelten damit als lebensbedrohlich erkrankt. Einer wird bereits unter laufenden Wiederbelebungsmaßnahmen eingeliefert. Drei weitere rot markierte Patienten sind bewusstlos und müssen beatmet werden.

13 Menschen werden als gelb eingestuft. Für sie besteht eine dringende Behandlungspriorität, ohne dass eine unmittelbare Lebensgefahr angenommen wird. Drei weitere Patienten gelten als grün und damit als leicht betroffen.

Die erste Sichtung am Haupteingang übernehmen eine Oberärztin und eine Pflegekraft der Zentralen Notaufnahme. Für jeden Übungspatienten stehen Armband und Unterlagen bereit. Damit werden die Betroffenen erfasst, gekennzeichnet und dem weiteren Behandlungsweg zugeordnet. Auch Labor, Röntgen, Anamnese, Behandlung und Dokumentation werden in die Übung einbezogen.

Krankenhaus-Einsatzleitung aktiviert Alarmplan

Die rot eingestuften Patienten werden unmittelbar auf die Intensivstation gebracht. Die gelb markierten Menschen werden in der Notaufnahme weiterbehandelt, während die grünen Patienten in der Cafeteria einen Betreuungsbereich erhalten. Parallel dazu muss das Krankenhaus zusätzliche Behandlungsplätze schaffen und mit medizinischen Geräten und Materialien ausstatten.

Die Krankenhaus-Einsatzleitung nimmt ihre Arbeit auf und aktiviert den vorbereiteten Krankenhaus-Einsatz- und Alarmplan. Viele Aufgaben laufen gleichzeitig: Patientenströme müssen verteilt, Entscheidungen schnell getroffen und die Behandlung koordiniert werden. Die Übung ist bewusst überraschend angelegt, weil es auch bei einem echten Ereignis keine Vorwarnung geben würde.

Zusätzliche Dynamik entsteht dadurch, dass Mitarbeitende aus ihrer Freizeit alarmiert werden. Sie kommen kurzfristig ins Krankenhaus, um ihre Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen. Beteiligt sind außerdem Einsatzkräfte aller Hilfsorganisationen des Landkreises Oldenburg. Das Deutsche Rote Kreuz im Landkreis Cloppenburg unterstützt im Rahmen der überörtlichen Hilfe.

„In einer solchen Situation muss innerhalb kürzester Zeit sehr viel gleichzeitig passieren“, so Dr. Sonja Römer, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme.

Römer hebt dabei die Sichtung und Priorisierung der Patienten, die Vorbereitung der richtigen Bereiche und den notwendigen Überblick über das gesamte Geschehen hervor. Trotz der hohen Dynamik hätten die verschiedenen Berufsgruppen als Team zusammengearbeitet.

Regulärer Krankenhausbetrieb läuft weiter

Eine zentrale Vorgabe lautet, dass echte Patientinnen und Patienten durch die Übung zu keiner Zeit gefährdet werden dürfen. Deshalb läuft der reguläre Krankenhausbetrieb parallel weiter. Während die Übungspatienten durch das Haus geleitet und behandelt werden, versorgt das Krankenhaus tatsächlich erkrankte Menschen wie gewohnt.

Für Geschäftsführer Thomas Meyer ist diese parallele Belastung ein wesentlicher Teil des Trainings. Das Krankenhaus müsse im Ernstfall zusätzliche Patienten aufnehmen und zugleich die reguläre Versorgung sicherstellen. Die Übung soll deshalb nicht nur zeigen, was bereits funktioniert, sondern auch Verbesserungsmöglichkeiten in den Abläufen sichtbar machen.

Nach dem Szenario endet der Einsatz nicht einfach. Die beteiligten Teams werten den Ablauf aus, besprechen ihre Erfahrungen und suchen nach möglichen Verbesserungen. Organisiert wurde die Übung unter Federführung von zwei organisatorischen Leitern Rettungsdienst der Johanniter-Unfall-Hilfe, Rettungswache Ahlhorn.

Auch Klinikmanager Jan Böckmann zieht daraus ein vorläufiges Fazit: Das Krankenhaus hoffe, einen solchen Einsatz nie unter realen Bedingungen erleben zu müssen. Sollte es dazu kommen, wolle man jedoch vorbereitet sein. Für einen Nachmittag wurde das St.-Josefs-Hospital so zum organisierten Ausnahmezustand – damit im echten Ernstfall die Abläufe funktionieren.