Wenn Ella Saß aus Cloppenburg zum Stabhochsprung anläuft, blendet sie alles um sich herum aus. Beide Hände umklammern den drei Meter langen Stab, dann geht es mit schnellen Schritten in Richtung Einstichkasten. Wenige Sekunden später biegt sich das Sportgerät, die Zwölfjährige hebt ab und überquert die Latte. Beim Cityspringen in Flensburg Anfang August meisterte sie 2,40 Meter. Ihre persönliche Bestleistung liegt sogar schon bei 2,55 Metern.
Die Kulisse in Flensburg war besonders eindrucksvoll: Das Springen fand an der Hafenspitze statt, während Wasser gegen die Kaimauer plätscherte und Schiffe im Wellengang schaukelten. Für Ella zählt in diesem Moment jedoch vor allem der Sprung. Sie rollt sich in der Luft auf, streckt die Beine nach oben und landet auf der Matte. „Mir macht der Sport riesigen Spaß“, sagt die junge Sportlerin.
Über eine Schul-AG zum Stabhochsprung
Ihre Leidenschaft für die anspruchsvolle Leichtathletikdisziplin entdeckte Ella vor zwei Jahren. Damals nahm die Schülerin an einer Stabhochsprung-AG teil, die Dr. Steffen Kosian an ihrer Schule initiiert hatte. Kosian ist Vorsitzender des TV Cloppenburg und trainiert Ella gemeinsam mit weiteren „Stabis“.
Mindestens dreimal pro Woche steht die Zwölfjährige inzwischen auf der Anlage und trainiert mit ihren Freundinnen und Freunden. Besonders schätzt sie, dass sie durch den Sport viele Gleichgesinnte kennengelernt hat. Auch die Wettkämpfe sind für sie ein wichtiger Antrieb. Mit den anderen Athletinnen und Athleten war sie bereits in Flensburg, Zweibrücken, Hannover und Gräfelfing bei München. Außerdem nahm sie an einem Trainingslager am Olympiastützpunkt in Cottbus teil.
Gräfelfing ist Ellas Lieblingswettkampf. Dort stellte sie bereits zweimal ihre damalige Bestmarke auf. Ihr großer Wunsch: Irgendwann möchte sie dort bei den großen Athleten mitspringen. Auch ungewöhnliche Wettkampferlebnisse gehören für sie dazu. „Es ist richtig aufregend, wenn wir bei Wettkämpfen in der Turnhalle übernachten“, erzählt sie.
Schnelligkeit, Beweglichkeit und Selbstvertrauen
Stabhochsprung verlangt nach Einschätzung ihres Trainers weit mehr als Kraft. Ella bringe eine große Begeisterung, ausgeprägtes Talent, enorme Beweglichkeit und Schnelligkeit mit. Diese Fähigkeiten seien für die Sportart besonders wertvoll. Der Sprung entsteht aus dem Zusammenspiel von Anlauf, Timing, Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Trainiert werden deshalb nicht nur die eigentliche Sprungtechnik und der Umgang mit dem Stab. Auf dem Programm stehen auch ein schneller Anlauf, Kraft in Armen und Beinen sowie die Rumpfmuskulatur. Zudem spielt die mentale Vorbereitung eine wichtige Rolle. Ein Sprung gelingt nicht immer sofort – und wenn eine Höhe nicht klappt, ist Ella nach eigener Aussage zunächst enttäuscht. Sie weiß aber, dass beim nächsten Wettkampf eine neue Chance wartet.
Kosian bescheinigt seiner Athletin großes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Ella besitzt großes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten“, sagt der Trainer. Er betreut Athletinnen und Athleten verschiedener Altersklassen im Landkreis Cloppenburg und darüber hinaus. Für ihn ist beim Stabhochsprung außerdem Geduld entscheidend: Nicht jeder Versuch führt direkt über die Latte.
Viele Stunden in der Luft
Auch abseits des Trainings arbeitet Ella an ihrer Beweglichkeit. Zu Hause verbringt sie viel Zeit auf dem Trampolin. Salti vorwärts und rückwärts, Schrauben, Flickflack, Handstand mit Überschlag und die rückwärtige Brücke gehören zu ihrem Repertoire. Die Wendigkeit auf dem Trampolin unterstützt ihr Körpergefühl und hilft ihr beim Stabhochsprung.
So verbringt Ella einen großen Teil ihrer Freizeit sprichwörtlich in der Luft – in der Schule, beim Training, bei Wettkämpfen oder auf dem Trampolin. Ihre bisherigen 2,55 Meter zeigen, welches Potenzial in der jungen Sportlerin steckt. Und solange ihr der Sport Freude macht, dürfte die nächste persönliche Bestleistung nicht ausgeschlossen sein.